Karikatur analysieren

Neben den historischen Quellentexten gehören politische Karikaturen zu den wichtigsten “Werkzeugen” in der Geschichtswissenschaft. Im folgenden wird ein Musterbeispiel für eine Analyse der 1890 von John Tenniel publizierten Karikatur “Der Lotse geht von Bord” (Original: “Dropping the pilot”) geschildert.

Karikatur: Bismarck – “Der Lotse geht von Bord”

Karikatur Lotse geht von Bord Bismarck
Karikatur von John Tenniel, erschienen im “The Punch” am 29. März 1890.

Schritt 1: Beschreibung der Karikatur

Die vorliegende Karikatur “Der Lotse geht von Bord” (Original: “Dropping the pilot”) ist am 29. März 1890 in der englischen Satirezeitschrift “The Punch” erschienen. Sie zeigt zwei Personen und die Wand eines großen Schiffes. Im Vordergrund geht eine der Personen, die eine Matrosenkleidung trägt, die Treppe herunter und berührt mit den Fingern seiner linken Hand die Schiffswand. Am unteren Ende des Bildes steht ein kleines Boot, das offensichtlich für diese Person bereitsteht. Dieser als Matrose gekleidete Mann hat einen finsternen und in sich gekehrten Gesichtsausdruck. Oben im Bild steht dagegen die zweite Person, die mit verschränkten Armen vom Deck des Schiffs auf den Matrosen hinabschaut. Dieser Mann trägt eine Uniform mit Krone und wirft dem Matrosen einen selbstgefälligen Blick zu.

Schritt 2: Analyse der Karikatur

Die zwei in der Karikatur zu sehenden Personen sind Kaiser Wilhelm II. und der eben erst entlassene Reichskanzler Otto von Bismarck. Die deutsche Übersetzung der Überschrift legt nahe, dass Bismarck als “Lotse” eine hohe Bedeutung für die Politik des Deutschen Kaiserreichs (das Bord) zugeschrieben wird. Der englische Originaltitel “Dropping the pilot” verdeutlicht hingegen, dass Bismarck von Kaiser Wilhelm II. von seinem Amt “fallen gelassen” wurde. Während Bismarck in der Karikatur anhand seines korpulenten Körpers, Bart und grimmigen Miene zu erkennen ist, wird Wilhelm II. mit seinem berühmten Zwirbelbart dargestellt. Bismarcks Treppengang steht symbolisch für seine Entlassung als Reichskanzler, die von Wilhelm II. in die Wege geleitet worden war. Wilhelms selbstgefällige Haltung mit verschränkten Armen deutet darauf hin, dass er wenig Respekt vor Bismarcks Persönlichkeit zeigt und die Politik nun lieber eigenmächtig übernehmen möchte. Die in der Karikatur dargestellte Schiffswand nimmt einen sehr großen Raum ein und könnte auf die politische Bedeutung des Kaiserreichs hindeuten. Bismarcks letzter Kontakt mit seiner linken Hand illustriert seine tiefe Verbundenheit mit dem Amt des Reichskanzlers, das er seit 1871 ausgeführt hatte. Das Abtreten des als Matrosen gekleideten Bismarck kann als warnender Hinweis des Karikaturisten verstanden werden, da ein Schiff ohne Lotse seinem Untergang geweiht ist. Aus diesen Informationen kann geschlussfolgert werden, dass die Entlassung Bismarcks die Stabilität der europäischen Friedensordnung bedrohen könnte. Den Schuldigen sieht der Karikaturist demzufolge in Kaiser Wilhelm II., der durch seine arrogante und hochmütige Persönlichkeit das Kaiserreich und die Welt in eine große Krise führen wird.

Schritt 3: Beurteilung der Karikatur

Die in der Karikatur dargestellte Situation symbolisiert Bismarcks Entlassung als Reichskanzler im Jahr 1890. Der Karikaturist stellt Bismarck mit einer Matrosenkleidung als Lotse dar und präsentiert ihn sozusagen als führenden Lenker des Deutschen Kaiserreichs. Diese Zeichnung ist teilweise etwas übertrieben, da Bismarck für viele politische Entscheidungen auf Mehrheiten des Reichstags angewiesen war. Es trifft allerdings zu, dass Bismarck für das außenpolitische Bündnissystem zwischen 1871 und 1890 eine wichtige Rolle übernommen hatte. Während der Regierungszeit Kaiser Wilhelms I. (1871 bis 1888) spielte Bismarck stets eine herausragende politische Rolle. Mit Wilhelms selbstgefälligen Blick demonstriert der Zeichner die politische Wende, die sich seit Wilhelms Kaiserkrönung im Jahr 1888 vollzogen hatte. Der junge Wilhelm wollte vor allem die außenpolitischen Entscheidungen selber treffen. Wenn jedoch ein Lotse das Bord verlässt, deutet das darauf hin, dass das Schiff von seinem bisherigen Kurs abfällt und in den Untergang fährt. Die Zeichnung des Autors John Tenniel beinhaltet viele zutreffende – wenn auch teils überspitzte – Bildsymbole. Im historischen Kontext hat er Recht damit, dass sich seit dem Jahr 1890 ein politischer Kurswechsel vollzog, der Deutschland und die Welt 1914 in den Ersten Weltkrieg führte.

Hier werden die einzelnen Schritte der Karikaturanalyse erläutert.

Hier geht es zum Beispiel einer Quellentextanalyse.

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Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 26.05.2018 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 11.12.2021. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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